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UNO-KLIMARAT
Menschheit muss Trendwende bis 2020 schaffen
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Nur gigantische
Investitionen und ein radikaler Politikwechsel können den Klimakollaps
noch abwenden. Bis 2020 muss die Trendwende geschafft sein - das ist nach
Informationen von SPIEGEL ONLINE die alarmierende Analyse des Weltklimarats.
Die Uno-Experten sagen, was getan werden müsste.
Es geht
um 16 Billionen Dollar - Sie lesen schon richtig. 16.000.000.000.000 Dollar
sollen bis 2030 vornehmlich in CO2-arme Technologien gesteckt werden.
Diese gewaltige Summe veranschlagen die Forscher des Weltklimarats der
Uno als Kosten für jene Vollbremsung, welche die Menschheit noch
vor dem Klimakollaps retten kann.
Treibhausgas-Sektoren:
Die dreckigen Sieben
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Die Katastrophe
lässt sich noch verhindern. Doch die Zeit ist knapp. Das ist die
Botschaft, die der dritte Teil der 2007er-Studie des Intergovernmental
Panel on Climate Change (IPCC) enthalten wird.
Anfang
Mai wollen die Uno-Experten zunächst eine Zusammenfassung des mehr
als 1000 Seiten starken Konvolutes in der thailändischen Hauptstadt
Bangkok vorstellen. Erstmals gehen sie in ihrem neuen Report detaillierter
auf unterschiedliche Sektoren der Wirtschaft ein - und bewerten spezifische
Reduktionsmaßnahmen. Eine vollständige Entwurfsfassung, die
SPIEGEL ONLINE vorliegt, zeigt, dass die Experten darin niemanden gut
wegkommen lassen:
* Nicht
nur die Industrie-, auch die Schwellenländer stecken längst
im großen Umfang hinter dem Anstieg des Treibhausgas-Ausstoßes.
* Verkehrs- und Energiesektor haben diese Entwicklung im ganz besonderen
Maße vorangetrieben.
* Die Weltgemeinschaft dürfe sich nicht mehr nur auf klimaschädliches
Kohlendioxid (CO2) konzentrieren. Stattdessen müsse eine "Multi-Gas-Strategie"
auch die Zunahme von Methan, Lachgas und anderer Treibhausgase in der
Atmosphäre eindämmen.
Der Vorteil
an letzterem Punkt: Damit seien "Klimaziele flexibler und bei substanziell
niedrigeren Kosten zu erreichen als mit reinen CO2-Strategien", bilanziert
das IPCC.
Damit
sind nicht mehr bloß Autos und Kraftwerke im Fadenkreuz der Klimaforscher,
Diplomaten und Politiker. Methan und Lachgas stammen zu einem Großteil
aus Viehhaltung, Nassreisanbau beziehungsweise Stickstoffdüngung
in der Landwirtschaft. Wenn sie stärker reduziert werden sollen,
sind insbesondere Entwicklungs- und Schwellenländer in der Pflicht.
US-Pläne
zu Geo-Engineering abgekanzelt
Doch
auch die USA werden wohl nicht gut auf die Verantwortlichen der IPCC-Arbeitsgruppe
III zu sprechen sein. Die britische Zeitung "Guardian" berichtete
kürzlich, dass sich die USA als Land mit dem höchsten Treibhausgas-Ausstoß
für das sogenannte Geo-Engineering stark gemacht haben.
IPCC - DER
KLIMARAT DER VEREINTEN NATIONEN
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Das Intergovernmental
Panel on Climate Change, zu Deutsch der zwischenstaatliche Ausschuss
für Klimaveränderungen mit Sitz in Genf, wurde 1988 vom
Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) und der World Meteorological
Organization (WMO) gegründet, die ebenfalls zur Uno gehört.
Der Inder Rajendra Kumar Pachauri ist seit Mai 2002 Vorsitzender
des IPCC.
Das auch als
Weltklimarat bezeichnete IPCC soll umfassend, objektiv und ergebnisoffen
die wissenschaftlichen, technischen und sozioökonomischen Informationen
über den von Menschen verursachten Klimawandel bewerten. Das
Gremium, dem Hunderte von Wissenschaftlern in aller Welt zuarbeiten,
soll die Folgen und Risiken der Klimaveränderung abschätzen
und ausloten, wie man sie abschwächen oder sich an sie anpassen
kann.
Der IPCC führt
keine eigenen Forschungsprojekte durch, analysiert die Ergebnisse
wissenschaftlicher Veröffentlichungen, die dem Peer-Review-Verfahren
- der Prüfung von Fachartikeln durch unabhängige Gutachter
- gefolgt sind.
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Darunter
sind technokratische Konzepte im Kampf gegen die globale Erwärmung
zu verstehen, zum Beispiel der gezielte Eintrag von gigantischen Mengen
Schwebstaub in die Erdatmosphäre, um einfallendes Sonnenlicht zurückzuwerfen.
"Die Sonneneinstrahlung zu modifizieren könnte eine bedeutende
Strategie sein, falls die Vermeidung von Emissionen aus dem einen oder
anderen Grund scheitert" - dieser Satz war laut "Guardian"
ein Wunsch der US-Regierung für den dritten IPCC-Teilreport in diesem
Jahr.
Die Uno-Sachverständigen
zeigten sich von derlei Ansinnen offenbar aber unbeeindruckt. Unter dem
beiläufigen Punkt "Weiteres" im Entwurf ihrer Zusammenfassung
verwenden sie zweieinhalb dürre Zeilen auf die Pläne der US-Technokraten:
"Möglichkeiten des Geo-Engineerings bleiben weitgehend spekulativ
und unkalkulierbar in ihren Kosten." Außerdem seien mögliche
Nebeneffekte der großtechnischen Eingriffe in den Strahlungshaushalt
unbekannt. Nicht einmal die Empfehlung aus den USA, wenigstens die Risikoforschung
auf diesem Feld voranzutreiben, findet sich im Berichtsentwurf.
Nur
noch Zeit bis 2020
Die Analyse
der Forscher: Nur wenn die Menschheit den Ausstoß von Klimagasen
eiligst drosselt, könnte sie die schlimmsten Folgen des Klimawandels
noch abwenden. Industrie- und Schwellenländer haben nicht mal mehr
15 Jahre Zeit für eine nachhaltige Trendumkehr beim Treibhausgas-Ausstoß.
Spätestens bis 2020 muss das fossile Zeitalter seinen Zenit überschritten
haben - sprich, der Ausstoß von Klimagasen dürfte nicht mehr
von Jahr zu Jahr steigen, sondern müsste substanziell abnehmen.
Den Forschern
zufolge sollte die CO2-Konzentration in der Atmosphäre auf einem
Niveau von höchstens 420 Anteilen pro einer Million Luftmoleküle
(ppm) stabilisiert werden. Aktuell beträgt dieser Wert aber schon
383 ppm, und jährlich kommen aktuell weitere 2,5 hinzu. Die Warnung
des Weltklimarats: Die Zielmarke ist "nur in den stringentesten Szenarien"
noch zu erreichen - und damit ein Stopp der globalen Erwärmung bei
maximal zwei Grad Celsius (verglichen mit vorindustrieller Zeit).
Ein Überschreiten
dieser Temperaturschwelle muss nach Ansicht vieler Klimaforscher vermieden
werden, weil die Folgen des globalen Wandels dann unbeherrschbar würden.
Die IPCC-Autoren
zitieren sogar Studien, nach denen die CO2-Emissionen schon 2015 zurückgehen
müssen, damit die Temperatur im Laufe des Jahrhunderts nicht über
zwei Grad Celsius Plus hinausschießt. Das tolerierbare Höchstniveau
für Kohlendioxid wird in diesen Arbeiten mit 400 ppm angegeben -
und damit noch niedriger. Die Autoren der insgesamt sechs Studien nennen
Werte zwischen 48 und 86 Prozent, um die der Klimagasausstoß bis
2050 im Vergleich zum Jahr 2000 gedrosselt werden müsste. Knapp die
Hälfte - oder mehr als vier Fünftel? Das ist ein gewaltiger
Unterschied. Doch in ihrem Entwurf enthalten sich die IPCC-Autoren überraschend
einer Bewertung und sprechen nur vage von Emissionsreduktionen "über
50 Prozent", die bis 2050 nötig seien, um die Kurve noch zu
kriegen.
Gegenwind
für Luxusschlitten
Auch
der deutschen Autoindustrie wird der dritte IPCC-Bericht weiteren Gegenwind
verschaffen. Seit Wochen wehrt sich diese vehement gegen scharfe gesetzliche
Limits für den CO2-Ausstoß von Pkw, wie die EU-Kommission sie
vorgeschlagen hat. Der neue Klimareport unterstreicht nun, dass die Treibhausgas-Emissionen
des Verkehrs "schneller gestiegen sind als in jedem anderen Energieverbrauchssektor".
2004 waren sie mehr als doppelt so hoch wie noch 1970. Den weitaus größten
Anteil an diesem Trend hatte der Autoverkehr: rund 75 Prozent. Deutlicher
geht es kaum.
In seiner
ökonomischen Bewertung deckt sich Teil III des Weltklimareports mit
dem, was der frühere Chefökonom der Weltbank Sir Nicholas Stern
im Herbst für die britische Regierung ermittelt hatte.
Auch
der IPCC kommt zu dem Schluss, dass frühzeitiges Handeln beim Klimaschutz
"relativ niedrige Kosten" verursacht. Unter anderem empfiehlt
er:
* Verstärkte
Verwendung von Biokraftstoffen
* Anbau von Trockenreissorten
* Hybridfahrzeuge
* Neue Atomkraftwerke
* CO2-Abscheidung bei konventionellen Kraftwerken
* Hausmodernisierung und besseres Gebäudemanagement
Strikte
Maßnahmen, wie sie die Einhaltung der Zwei-Grad-Schwelle erfordert,
würden nach aktuellen Projektionen dann umgesetzt, wenn sich der
Preis für eine ausgestoßene Tonne CO2 bis 2030 auf 30 bis 120
Dollar verteuern würde. Damit verschlinge der Kampf gegen den Treibhauseffekt
dann ein bis fünf Prozent des Bruttosozialproduktes, schätzen
die IPCC-Analytiker nach eigenen Angaben"grob". Die ökonomischen
Verluste durch den Klimawandel taxieren sie höher. Mit der Zeit könnten
die Schadensummen von Jahr zu Jahr um zwei bis vier Prozent steigen, steht
im betreffenden Kapitel.
Noch
lange nicht auf dem richtigen Weg
Auf dem
richtigen Weg, mit einem blauen Auge durch den Klimawandel zu kommen,
sei die Menschheit jedenfalls noch mitnichten: Beim Kohlendioxid "sind
die mittleren jährlichen Zuwachsraten im Zeitraum von 2000 bis 2005
höher als in den neunziger Jahren", schreiben die IPCC-Autoren.
Sie legen dar, dass der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen seit
1970 um mehr als 50 Prozent zugenommen hat. Die Emissionen von CO2 sind
seither sogar um rund zwei Drittel gestiegen. Knapp 60 Prozent Anteil
haben daran die Industrieländer - obwohl sie nur ein Fünftel
der Weltbevölkerung stellen.
Alle
bisherigen Klimaschutzmaßnahmen, auch die im Rahmen des Kyoto-Protokolls,
seien "inadäquat, um die allgemeinen Treibhausgas-Emissionstrends
umzukehren", schreiben die Experten.
Der IPCC
hatte schon Anfang Februar Schlagzeilen gemacht, als er in Paris Ergebnisse
aus dem ersten Teil des neuen Weltklimaberichts vorstellte ("Die
physikalische Basis des Klimawandels"). Die Autoren verkündeten,
es könne nun kein Zweifel mehr daran bestehen, dass menschliche Aktivitäten
maßgeblich hinter der globalen Erwärmung von knapp 0,8 Grad
Celsius seit 1850 stecken. Im April will der IPCC in Brüssel zwischenzeitlich
Ergebnisse aus dem zweiten Teil seiner neuen Expertise zu den ökologischen
und gesellschaftlichen Folgen des Klimawandels veröffentlichen.
Von Volker Mrasek
Erschienen
bei SPIEGEL Online im Feb. 2007
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